Geschichte eines eigentlich nicht erlaubten Lebens

(Aufzeichnungen von Miroslav Václav Steiner)



Vorwort

Die Suche

 Als Junge habe ich mich nicht so sehr interessiert für meine Vorfahren. Mit der Zeit aber wuchs das Interesse, mehr zu erfahren.

Ich habe nach meiner Mutter eine Schachtel vererbt, in der einige Geburtsurkunden und andere Amtspapiere waren und alte Photos. Viele Photos konnte ich noch identifizieren, einige aber nicht mehr.

In der Suche half mir sehr ein ganz unscheinbarer Hinweis im Reisepass meiner Mutter aus dem Jahre 1935. Dort stand in einer Ecke „Heimatzugehörigkeit Kluk bei Tschaslau“. Zunächst war mir der Begriff „Heimatzugehörigkeit“ nicht bekannt. Also, nachgeforscht und interessantes gefunden. Heimatzugehörigkeit wurde vom Kaiser Karl VI im Jahre 1726 eingeführt, im Zusammenhang mit der neu eingeführten Evidenz der Bürger.

Der Kaiser hat auch die Evidenz und eine Begrenzung der Judenfamilien eingeführt. Auf dem Gebiet des Königreiches Böhmen wurden knapp 9000 jüdische Familien gezählt. Wer also im Jahr 1726 auf einem festen Wohnsitz evidiert wurde, bekam eine Familianten -Nummer und die Heimatzugehörigkeit seiner Wohngemeinde.

Diese Nummer war ein Erlaubnis, eine Familie zu gründen und ging in der Familie immer auf den ältesten Sohn über. Andere Kinder dürften nicht heiraten, oder mussten auswandern.

In damaliger Zeit mussten die Juden auch ein Zeichen, meistens einen Hut tragen, um sie auf ersten Blick als Juden zu identifizieren.

Der Kaiser hat die Juden auch verpflichtet, deutsche Schulen zu besuchen. So gab es im Österreich ausschließlich deutsche Juden, bis 1779 auch Galizien zu Österreich angeschlossen wurde, mit Millionen ärmsten Ostjuden.

Die Familiantenverzeichnise haben sich erhalten, sind in dem Archiv der Karlsuniversität Prag.

Zunächst habe ich natürlich versucht, mehr über meine Heimatgemeinde zu erfahren, ich bin nach dem Recht nämlich als Sohn auch dort heimatberechtigt.

Gemeinde Kluky, oder auch Kluks, ist zwischen der Stadt Kuttenberg und Tschaslau ziemlich im halben Weg, ca. 1 Stunde Fußweg entfernt. Heute hat die Gemeinde ca. 150 Einwohner. Im Archiv fand sich bei dem Namen meines ältesten bekannten Vorfahren, Moyzes Steiner, die Bemerkung, mit seinen 3 Söhnen wurde er in der Spiritusfabrik gefunden. Diese Fabrik gibt es nicht mehr, aber auf der historischen Karte aus dem 18. Jahrhundert (www.mapy.cz) ist sie an dem Schlossteich des Schlossgartens eingezeichnet.

Die jüdische Gemeinde hat einen Friedhof und Synagoge im Dorf Maleschau (Malesov) etwa 7 km westlicher vom Kluk gehabt. In der Literatur am Internet fand ich eine Bemerkung, diese Gemeinde ist entstanden als ein Zufluchtort für jüdische Flüchtlinge, die vom Kosakenaufstand geführt vom Bogdan Chmielnicki , 1648- 1654 verfolgt waren. In Litauen hat man damals an die 300.000 Juden umgebracht. Diese Flüchtlinge waren damals die Verwalter der meist polnischem Adel gehörender Wirtschaftsobjekte, also qualifizierte Menschen.

In damaligen Böhmen begann der Kaiser Karl VI. eine Entwicklung der Wirtschaft, genannt Merkantilismus, die sollte durch das Wachstum der Wirtschaft die Staatseinnahmen mehren. Deshalb waren wohl die Fachleute, auch wenn nicht geliebter Religion, sehr nützlich und akzeptiert.

Wie sich dort unsere Familie entwickelt hat, sieht man an zahlreichen Grabsteinen auf dem jüdischen Friedhof von Maleschau. Die ganz alten, vor 1750, sind meist nicht mehr leserlich, aber auf den übrigen wiederholt sich der Name Steiner insgesamt 18x, die letzten Generationen sind auf dem neueren Friedhof in Tschaslau.

Meine Vorfahren von der Vaterseite:

Wie schon beschrieben, Familie meines Vaters war jüdisch und lebten mit Bewilligung der Kaiserin Maria Teresia unter Familiantennummer 3542 in Kluk bei Tschaslau. Der älteste mir bekannter Familiant. Moyses Steiner, ist im Familiantenbuch 1774 eingetragen, gestorben 27.01.1825

Sein ältester Sohn Jakob , geb. 1785, hat die Spiritusfabrik am 14.01.1812 übernommen, Familiantennr. 59756. Über den noch früheren Steiner in Kluky gibt es keine Aufzeichnungen- nur die Familiantennummer, die stammt aus dem Jahr 1726, gibt Aufschluss, er musste noch vor diesen Gesetz vor Ort festen Wohnsitz haben. Sein Grabstein in Maleschitz ist aber nicht mehr lesbar.

Sein Sohn, Ignaz (Hynek) Steiner, mein Grossvater,

geboren 8. 11. 1865 wahrscheinlich in Kluky bei Tschaslau (Čáslav auf tschechisch), war ausgebildeter Kaufmann und betrieb ein Lebensmittelgeschäft, damals „Kolonial“. Er heiratete nach jüdischen Ritus meine Grossmutter, Antonie Friedländer, geboren 18. 8. 1868 in Starkotsch ( tschechisch Starkoč, auch bei Tschaslau). Beide haben sich und die Kinder mit dem Laden ernährt.

Sie haben 4 Kinder gehabt: Josef, geb. 12. 4. 1888 in Bratschitz (Bracice, Kreis Habern- Habry), Olga, geb. 18. 8. 1889 in Bratschitz, mein Vater Gustav geb. 20. 12. 1890 in Smrdov, heute Sazavka im Kreis Habern, und ein spätes Kind, Marta, geb. 2. 2. 1898 in Kluky, Kreis Tschaslau.

Mein Großvater starb im gleichen Jahr, wie seine Frau, meine Großmutter, 1937. Mein Großvater war also 72, die Großmutter nur 68. Das Bild links ist vom Frühjahr 1915.


Zu den Grabmälern in Maleschitz: auf vielen Steiner- Grabsteinen ist eine „Krone eines guten Namens“, die Bedeutung: »Rabbi Simon (2. Jahrhundert) sagte: Es gibt drei Kronen: die Krone des Gesetzes, die Krone der Priesterwürde und die Krone des Königtums. Die ›Krone eines guten Namens‹ aber übertrifft sie alle.«

Also, unsere Vorfahren waren sehr gebildet und anerkannt. Einer von den Steiners hatte schon im 19. Jahrhundert die Doktorwürde erlangt.

Familienmitglieder der Familie Steiner

Mein Onkel Josef:

Josef Steiner 12. 4. 1888 heiratete Jenny Lobl , geb. 13. 10. 1894 in Otwock nahe Warschau, ein Kind, Tochter Hilda , geboren 29.1. 1920 in Komotau, wo mein Onkel eine Metallgestellfabrik und Grundstücke im Mühltal besaß.

Das Bild rechts ist meine Cousine Hildegard Steiner, zwei Jahre vor ihrem Tode.

Nach der Besatzung vom Sudetenland im Herbst 1938 sind sie nur mit persönlichen Gepäck nach Prag geflüchtet, dort haben sie die Nationalsozialisten eingeholt.

Am 9. Juni 1942 erfolgte Deportation durch Transport AAe nach Terezin, von hier am 19. Oktober 1942 Transport Bw nach Treblinka, wo sie alle höchstwahrscheinlich unmittelbar ermordet wurden.

Meine ältere Tante:

Olga Veblova heiratete den Diamantenhändler Vejbl, sie kauften ein Haus in Prag 1 in Černa ul. No. 7., Weiter haben sie ein Geschäft auf der Narodni Trida in Passage Metro und eine Werkstatt, die mir nicht bekannt ist. Weitere Immobilien haben sie in Skochovice (Nahe Vrane n. Vltavou), ein Freizeitobjekt, gehabt.

In der Besatzungszeit März 1939 bis Mai 1945 war sie schon Witwe, sie hat sich vor den Nazis versteckt, überlebte in einem Verschlag auf dem Gut des Bauers Hirschal in Landskron. Dort konnte sie nur in der Nacht ins Freie.

Aus der ersten Ehe ihres Mannes hatte sie auch einen Stiefsohn, der als Mineningenieur in Venezuela lebte.

Meine Tante hatte das großte Geschäft mit Diamanten in damaliger CSR, zu ihren Kunden gehörte auch die Präsidentengattin Hana Benes. Über die Besatzungszeit hat sie die teuersten Diamanten eingenäht in Stoffknöpfe gerettet, später illegal in einer Auktion in London verkauft. Aus diesem Konto hat sie dann während der kommunistischen Zeit regelmäßig kleine Beträge bekommen und das hat auch die Staatspolizei auf ihre Spur gebracht. Besitz von Konten im Ausland war in der kommunistischen Tschechoslowakei eine schwere Straftat.

Soweit ich von meiner Mutter weiß, hat sie dort mehr, als 120 Tausend Pounds, für damalige Zeit eine hohe Summe gehabt. Die Polizei wollte vor allem den Zugang zu dem Konto, ob sie das geschafft haben, weiß ich nicht, meine Tante hat sich am 28. März 1961 das Leben genommen. Die Hausmeisterin, Christine Hirschal ,hat mich daraufhin ersucht, ich sollte mich um die Erbschaft kümmern, meine Tante hat einen Testament zurückgelassen. Auch sie war in dem Testament mit 500 Tuzex-Kronen bedacht, aber die Polizei hat alles kassiert, noch Wochen haben sie in Aktentaschen alles Wertvolles aus der Wohnung herausgetragen.

Auf dem Standesamt fur Prag 1. Wurde ich belehrt, dass die ganze Sache von der Geheimpolizei untersucht wird und ich kann mir nur Probleme einhandeln. Übrigens war das Testament angeblich an Verpackungsbeutel vom Mehl niedergeschrieben, deshalb ungültig und wurde von der Polizei entsorgt.

Auf' diese Weise habe ich dann sowieso keine Handhabe, um mich als Erbe anzumelden. Die Suche nach ihrem Grab nach 1990 war ohne Erfolg, es scheint, dass sie in Krematorium Strasnice verbrannt wurde und die Asche irgendwo in die Moldau oder auf einer Wiese gestreut.

Meine zweite Tante:

 Marta Steiner, verh. Kraus , Ehefrau von Heinrich Kraus geb. 9. Oktober 1881, Kaufmann in Kolin. Die Tochter Rita Kraus wurde am 6. März 1922 geboren.

Rita Kraus um 1940 Links meine Cousine Rita, rechts die Tante.Tante Marta

Am 13. 6. 1942 wurde ganze Familie im Transport Aad nach Terezin gebracht. Am 1. Februar 1943 wurde dann die Familie nach Birkenau gebracht und unmittelbar vergast. Haus meiner Tante in Kolin, Goldene Gasse 4. sollte meine Tante Olga erben, sie verzichtete aber zu unseren günsten, also erbte ich und meine Schwester je l/8 des Hauses. Im Hause waren zwei staatliche Unternehmen als Mieter, das führte zur Enteignung und erst 1992 haben wir die unbewohnbare Ruine wieder bekommen.

Mein Vater:



Gustav Steiner, mein Vater, war gemäß später aufgetauchten Anmeldung zur Lebensversicherung Riunione Adriatica auch nach dem WK I. noch bis Ende 1921 Offizier der Tschechoslowakischen Armee, im WK I. diente er bei der Gebirgsartillerie in Südtirol, im Ortlergebiet- nach der Offensive wurde er nach Galizien versetzt. In der Tschechoslowakischen Armee hat er wohl an den Kampfhandlungen in Schlesien teilgenommen. Nach der Okkupation der CSR im März 1939 mußten alle Offiziere der CSA geschützt werden. Aus Konspirationsgründen wurden alle Archive und persönliche Dokumente skartiert, die sich zum Militärdienst bezogen haben. Deshalb war es sehr schwer, etwas zu erfahren.

Ich habe, wie ich schon bemerkt habe, keine Erinnerung an meinen Vater. Ich musste also alles studieren, was mir schriftliches in die Hand kam.

Von Ende seiner Militärlaufbahn habe ich aus dem Versicherungsantrag an Riunione Adriatica, wo er eine Lebensversicherung zu Gunsten des Sohns, Josef Steiner, abgeschlossen hat erfahren, dort stand, das er im Jahr 1921 demobilisiert wurde, also in die Reserve geschickt.

Ein anderer Punkt, über Beginn seiner militärischen Laufbahn ist ein Photo des Jahrgangs der freiwilligen Einjährigen aus dem Jahr 1914, wo eine Klasse der Gebirgsartillerieoffiziere in Ausbildung abgebildet ist, darunter auch mein Vater.

Weiter gibt es eine Karte, geschrieben von seinen Eltern, an Korporal Gustav Steiner, K.u.K. F.H. Div.I / II 29 Feldpostamt 96. , die Karte ging am 29.04.1915 an meinen Vater.

Diese Adresse passt zum Gebirgsartillerieregiment Nr. 08 / Brixen, Kommandant Oberstleutnant Franz Dobner von Dobenau.

Die Geschichte dieses Regimentes lässt sich in Österreichischen Archiven finden, dort muss ich noch nachforschen.

Meine Geschwister:

Josef Steiner, mein älterer Bruder, wurde am 27. 7. 1929 in lglau geboren. Als jüdischer Mischling ersten Grades, so seine offizielle Bezeichnung laut deutsches (Nürnberger) Recht, war er bedroht, deshalb versuchte meine Mutter den Jungen zu verstecken. Er hat bei dem Onkel Marousek in Ondrejov auf dem Familiengrund in der Landwirtschaft ausgeholfen. Die Iglauer vergassen aber nicht, als er 14 Jahre alt war, kam eine Bestellung in ein Transport am 25. Februar 1944 Dv von Prag nach Terezin, in einem blauen Umschlag. Am 19. Oktober 1944 wurde er im Transport Es-1497 nach Birkenau geschickt. Dort wurde die ganze Gruppe über 1014 15- 16 jähriger Jungen, die als getaufte Halbjuden eingestuft waren, vergast. Das Bild zeigt ihn bei der Firmung, zwei Jahre vor seinem Tod.


Meine jüngere Schwester, Blanka Steiner, verheiratet Dlouhy, geb. 13. Mai 1941, starb 28. Januar 2000 in Ledec/ S an Gebärmutterkrebs.

Informationsquellen:

Vor allem die Terezinska Iniciativa, namentlich Michal Frankl, mfrankl@terezinstudies.cz

Und www,yadwashem.org/wps/portal!ut/p/_s.7_0_A/7_0_91/.cmd/ad/.ar/sa.portlet.FromDetailsSub

Die Geburtsdaten und Orte wurden im Narodni Archiv, Prag 6., Milady Horakove überprüft, dort

befinden sich noch Matriken der jüdischen Gemeinden Komotau (598), Goltsch- Jenikau (33),

Tschaslau(215) und Kolin(830). Die Zahlen im Klammer sind die Bandnummer des Archives.


Die Familie meiner Mutter:

war streng katholisch, wie die meisten Iglauer. Mein Grossvater Wenzel Marousek kam aus der Gegend um Pilgram, tschechisch Pelhrimov. Als dritter Sohn in einer Bauernfamilie musste er in die Welt, sein älterer Bruder hat ihm (nicht ganz freiwillig) eine Schneiderlehre in Wien finanziert. Dort hat er auch meine Grossmutter Franziska kennen gelernt, Tochter einer Köchin aus Pilgram (Pelhřimov). Franziska war in Wien geboren und hat über ihren Vater nie etwas erfahren. Nach der Lehre ging Wenzel als Geselle auf die Wanderschaft und hat um 1900 ganz Österreich bis in die Schweiz zu Fuß durchwandert. Um 1902 hat er seine Meisterprüfung in Wien gemacht, meine Oma, die geduldig auf ihn gewartet hatte, geheiratet und sie sind nach Iglau gezogen. Dort ist dann auch meine Mutter, Marie Marousek, 1903 zur Welt gekommen. Sie hat auch eine Schneiderlehre absolviert und hat als Meisterin ihren eigenen Modesalon in Iglau eröffnet.

Die Vorfahren der besten von allen, Elisabeth, „Lili“

Elisabeth Anna Wycisk ist am 13.07 1941 in Klodnitz, O/S  auf die Welt gekommen.

Der Vater, Klemens Wycisk, geb. 23. 11.1903 in Klodnitz, war Baggermeister an dem Verbindungskanal Gleiwitz- Cosel, seine Aufgabe war es, die Fahrrinne des Kanals für die Lastkahne mit der Kohle befahrbar zu halten.

Die Mutter, Anna Wycisk, geb. Cieslik, geb. 2.12.1910 in Klodnitz.

Lilis Grossvater Sylvester Wycisk, geb. 28.12.1859 in Debowa, kreis Cosel, war verheiratet mit Anna Wycisk, geb. Stosch, geb, 29.12.1871 in Nesselwitz, Kreis Cosel.

Der Grossvater Mutterseits war Eduard Cieslik, geb. 26.09.1881 in Wronin, Kreis Cosel, die Grossmutter Franziska Cieslik, geb. Kapitza, geb. 10.10.1875 in Blechhammer, Kreis Cosel

Alle stammten also aus Oberschlesien.

Die Tanten: Teresa Stoewer, geb. Wycisk, geb. 13.08.1935 , Magdalena Stolcenberg, geb. 26.08.1943 und Barbara Nowak, geb. 18.04.1939.

Zu den Ereignissen in meinem Leben

Mein Vater war ohne Zweifel ein typischer Österreicher, mußte in deutsche Schule, lebte aber in tschechischer Umgebung. Zu seinem Nachteil aber war er auch ein Jude, wenn auch nicht religiös. Er wurde als Freiwilliger im Ersten Weltkrieg zum Offizier der K.u.K. Gebirgsartillerie in Josephstadt in Nordböhmen (nahe Nachod) ausgebildet. .

Er hat zwei Tapferkeitsmedailen bekommen und andere Auszeichnungen. Über seine Geschichte habe ich wieder einiges neues erfahren, darüber eine ausführlichere Geschichte in eigener Kapitel. Es war schwer, die Militärarchive wurden im März 1939 vor der Okkupation vernichtet.

Nach dem Krieg kam er zurück nach Böhmen, wurde aber sofort an die polnische Front geschickt, wo er viel Erfolg hatte. (über die Einheit, in der mein Vater nach dem 28.10.1918 diente, weiss ich nichts, ich weiss nur, dass mein Vater entweder nach Komotau zu den Eltern oder zu seiner Heimatgemeinde Kluk bei Tschaslau zurückkehrte).

Nachdem aber die Tschechoslowakei weite Gebiete an die Polen abtreten musste, wurde er Ende 1921 demobilisiert. Seine Eltern lebten während des Ersten Weltkrieges in Komotau, in den dortigen Mannesmannwerken hatten sie einen Lebensmittelladen und möglicherweise auch so etwas wie eine Kantine gehabt. Sein Bruder Josef Steiner hatte in Komotau eine Drahtmatratzenfabrik aufgebaut, die den Draht wohl von Mannesmann bezogen hat. Im damaligen Mühltal besaß die Familie etwas mehr als 10 Hektar Wald, Wiese und Bachlauf, heute „Bezrucovo udoli“, der Stadtpark von Komotau.

Nach dem Krieg war die Wirtschaft lange krank, 1929 kam dazu noch der Börsenkrach vom New York. So hat sich mein Vater in dieser Zeit als Vertreter der vielen Stoffhersteller im Sudetenland über Wasser gehalten. Nach der Heirat hat sich mein Vater von seiner Schwester Olga 10.000 Kc ausgeliehen und 1928 oder 1929 seinen eigenen Laden in der Schillergasse geöffnet.

Und so trafen sich die Lebensbahnen meiner Mutter und meines Vaters: er hat als Vertreter immer die neuesten Stoffe angeboten, aber die zwei haben bald mehr füreinander gefühlt und sich ineinander verliebt.

1927 haben die beiden gegen viele Widerstände standesamtlich geheiratet, an eine kirchliche Trauung war damals nicht zu denken. Im Juni 1929 ist dann mein älterer Bruder Josef zur Welt gekommen. Weiter folgte ein Mädchen, meine Schwester Martha, aber sie ist im Alter von einem Jahr an plötzlichem Kindstod (Krupp) gestorben. Bestattet ist sie auf dem Jüdischen Friedhof in Iglau/ Jihlava, gleich links nach dem Eingang, wo man die Kinder bestattete. Etwas höher sind die Frauen bestattet, rechts, über dem Weg, sind dann die Männer.

In Iglau war die Wohnungssituation sehr lange schwierig, meine Eltern fanden nur eine Wohnung in einer älteren Villa, mussten auch das Inventar teuer abkaufen und die Modernisierung, insbesondere das Bad und die Elektrizität, haben viel Geld gekostet.

Mein Vater hat seinen Kleinladen in der Schillergasse, in der Nähe der Synagoge, gehabt. Meine Mutter hat ihren Damenmodesalon im gleichen Haus wie mein Grossvater betrieben, in der Judengasse. Das Haus steht heute nicht mehr, die Kommunisten haben dort eine Durchfahrt gebaut. Die schlimmen Zeiten kamen aber zusammen mit mir. Ich wurde am 18. November 1938 geboren, damals war schon die Tschechoslowakei zerschlagen und das Sudetenland an Deutschland angegliedert. Die Reichskristallnacht in Deutschland hat meine Eltern zu Tode erschreckt. Und weitere schlimme Ereignisse folgten. Kurz nach der Besetzung der „Resttschechei“ (wie Hitler sagte) durch die Wehrmacht brannte in Iglau/ Jihlava die Synagoge, die keine 50 Meter von dem Laden meines Vaters entfernt war. Es war Ende März, wahrscheinlich am 30. März 1939. Am Tag vorher hatte man meinem Vater die Glasscheiben im Laden eingeschlagen und die meisten Waren gestohlen. Später kam heraus, dass es eine Aktion der nationalsozialistischen Jugend aus Friedrichsdorf (Bedřichov), dem Vorort von Iglau, war. Beteiligt waren 31 Täter, meist Jugendliche - viele sind später an der Ostfront umgekommen.

Mein Vater durfte das Geschäft nicht mehr weiter führen; was nach den Dieben geblieben ist, hat meine Mutter zwar noch gerettet, aber viel war das nicht. Mein Vater musste unentgeltlich für die Stadt in der Stadtreinigung arbeiten. Das war aber immer noch kein Ende der Schicksalsschläge.

Iglau war in vieler Hinsicht immer der Ort, wo alles schlimmer war, als woanders. Die Iglauer waren fanatisiert vom Hitler, der (Arthur) Seyss-Inquart, eigentlich ursprünglich Zajtich aus Stannern bei Iglau, war ein Mitschüler meiner Mutter. Er hat seinen Namen nur schöner gemacht, so dass er dann auch eine Nazi-Karriere machen konnte.1 Nach der Aussiedlung der deutschen Iglauer kam aus der ganzen Republik eine bunte Gesellschaft nach Iglau: Zigeuner, Slowaken, Ukrainer, Ungarn.2 Sicher waren auch arme Leute dabei, die einfach eine neue Existenz suchten, aber es gab auch einen hohen Anteil an kommunistischen Apparatschicks, die schlimmer waren als anderswo. Es gab viele politische Prozesse mit Hinrichtungen völlig unschuldiger Menschen,3 es herrschte die Atmosphäre der Angst.

Die Gestapo hat im Herbst 1940 alle ehemaligen Offiziere der Tschechoslowakischen Armee überprüft, die der Organisation „Obrana Naroda“, also „Volksverteidigung“, angehört haben. Nach der Verhaftung der höheren Chargen war auch mein Vater zur Verhaftung ausgeschrieben. Es sollte aber keine Aufregung der Familie und in der Nachbarschaft passieren. Dazu hat man sich eine „Arische List“ ausgedacht. Man hat meinem Vater eine völlig wirre Steuervorschrift geschickt, damit er zum Rathaus kommt. Dort hat die Gestapo eine ständige Wache gehabt, die ihn gleich verhaftete. Zunächst wurde mein Vater in dem Gebäude der „Sokol“-Organisation4 in Iglau/ Jihlava gefangengehalten, danach nach Brünn gebracht, in eine Dienststelle des Gestapo-Gaus Niederdonau. Von dort kam er zur „Sonderbehandlung“ ins Konzentrationslager nach Auschwitz, wo er am 18. Oktober 1940 starb - seine Sterbeurkunde sowie auch ein Telegramm der Gestapo an meine Mutter haben sich noch erhalten.

Meine Mutter musste die Einäscherungskosten in Höhe von 1300 RM bezahlen, danach hat sie einen Karton etwa 30x30x30 Zentimeter erhalten, den sie dann auf dem jüdischen Friedhof in Iglau bestatten konnte. Die Auflage der Gestapo war aber: keine Trauer-Versammlung und kein Grabstein!

Was folgte, war klar. Die Wohnung wurde von der Gestapo zur Dienstwohnung umgewandelt, wir mussten raus, also ich, meine Mutter Marie, mein Bruder Josef und meine jüngere Schwester Blanka. Dank unseren Grosseltern haben wir dann bis zum Kriegsende in einem Raum mit einem Stück Flur, Wasserhahn und Plumpsklo an der Treppe gelebt. Aber nicht alle. Im Sommer 1944 kam ein Brief von der Stadtverwaltung: mein Bruder Josef ist schon 14 Jahre alt, also wird er zum „Totaleinsatz“ gebraucht und muss in einen Transport nach Theresienstadt.5 Dort war er nicht lange, im Oktober 1944 wurde er, laut der Dokumente der Theresienstadt-Initiative, mit 1100 anderen Jugendlichen im Konzentrationslager Auschwitz- Birkenau vergast, verbrannt und seine Asche in den Fischteich ausgeschüttet. Zwei Wochen später wurden die Gaskammern gesprengt und die Spuren nach Möglichkeit beseitigt.

Ich selbst habe nur einmal ein Problem gehabt. Mit meiner Mutter bin ich in der Tram zum Hauptbahnhof gefahren; etwa in der Höhe von den Elektrizitätswerken, wo auch die Bahnspurweiche war, hat uns ein Mann erkannt. Es war ein Gestapomann, der meine Mutter von ihren Besuchen beim Vater kannte, der hat angefangen zu schreien. „Wissen sie nicht, dass Juden die Benützung der Tram untersagt ist? Und wo haben sie den vorgeschriebenen Stern?“ Er gab keine Ruhe, bis wir aus dem Wagen ausgestiegen sind, dann hat er noch die Dokumente meiner Mutter untersucht. Na ja, sie gehörte zur katholischen Bürgerschicht von Iglau, also hat er aufgegeben, nur ich habe vom Schrecken noch eine Weile geheult.

Unser Haus in Materngasse hatte drei Stockwerke noch unter der Erde, war angeschlossen an die alten Verteidigungsanlagen. Ich habe nach den Ferien 1944 in der Schule Brünnerstraße angefangen, nach Weihnachten war es aber mit der Schule ganz schlecht. Im April waren alle Lehrer schon über die Berge nach Österreich gegangen, ich habe viel frei gehabt.

Vor dem Hotel Stern (Hvezda) stand im Mai 1945 ohne Aufsicht ein BMW-Sahara der Feldjäger. Mich interessierte vor allem das MG (Maschinengewehr), also habe ich unbemerkt ein Band mit einigen Dutzend Patronen herausgezogen und unter dem Bett versteckt. Meine Mutter hat aber alles gefunden und in die Mülltonne geworfen. Ich habe vergeblich gewartet, ob jemand heiße Asche darüber schüttet.

Die ersten Maitage in Iglau waren 1945 sehr warm, aber wir Kinder haben drei Tage bis zum 7. Mai im Keller sitzen müssen, bei einer Petroleumlampe. Mehrere Frauen haben uns aus dem Märchenbuch vorgelesen, also war es nicht weiter schlimm. Mittags, dem 7. Mai, wenn ich nicht irre, kam der Onkel Otto, der war tschechischer Soldat, und hat gesagt, wir können wieder heraus, die Russen sind da.

Ich kann mich erinnern, wir hatten Steinstufe im Hauseingang, auf der saß ein Soldat in hellbrauner Uniform und rauchte eine dicke Zigarette, Papier dazu hat er aus einem dicken Buch gerissen, Brehms Tierleben. Ich habe ihm ein Buch mit feinem Seidenpapier gebracht ( Evangelium) und gegen dem Bilderbuch eingetauscht. Dieser Soldat erzählte auf russisch, er wäre ein Kalmücke, ganz weit in Asien und zu Hause hat er auch so einen Jungen. Die russische Sprache ist mit der tschechischen etwas weiter verwandt, also eine Verständigung war bedingt möglich.

Nach einigen Tagen war schon klar, dass ich viele Freunde verliere, sie haben mir erklärt, sie müssen mit den Eltern das Land verlassen. Einige sind dann in Groß-Umstadt beim Frankfurt gelandet. Zu meiner Mutter kam Frau Lorenz, die Besitzerin vom größten Textilgeschäft in der Schillergasse 14, die hat von dem Schicksal meines Vaters gewusst. Meiner Mutter hat sie erzählt, sie muss alles aufgeben und in ungewisse Zukunft ausreisen, es sei die Strafe für die Sünden anderer. Sie würde aber sehr gerne wissen, wer in ihr Haus einzieht, hat also meine Mutter gebeten, sofort in das Haus Schillergasse 14 einzuziehen. So sind wir also wieder in eine sonnige Wohnung umgezogen. Es dauerte aber nicht lange, denn nach der Machtübernahme durch die Kommunisten war meine Mutter als Gewerbetreibende unerwünscht. Alle paar Jahre hat man uns von der Wohnung einen Stück abgenommen, zum Schluss blieb meiner Mutter nur noch ein Zimmer mit Diele. Das war den Funktionären immer noch zu viel, also haben sie sie in eine Untermiete in einen Raum in einem Einfamilienhaus gezwungen. Natürlich haben das die Eigentümer des Hauses als Eingriff gesehen, also hat meine Mutter lieber den Rest ihres Lebens bei ihrem Bruder Richard und seiner Sklerose-Multiplexkranken Frau verbracht.

Wie haben die Jungen vor 80 Jahren gelebt?

Es war eine sehr arme Zeit. Kleiner Mann bekam etwas meist zu Weihnachten, aber oft waren das nur nützliche Sachen- z.B. Schischuhe, die mir der Schuster gegenüber Werkstatt meines Grossvaters Wenzel, dort hat auch meine Mama ihre Damenabteilung, aus dickem Rindleder angefertigt hat. Die habe ich wirklich gebraucht, die Schule hat im Winter immer eine Woche auf der Schihütte am Cerinek, das ist ein Berg, wo ganz oben die Hitlerjugend eine Hütte wie in Alpen hatte. Dort waren auch die Ski und Stöcke, aus Ahornholz, natürlich noch ohne Stahlkanten, die Bindung „Kandahar“ bestand aus zwei Backen vorne, verbunden mit Lederriemen mit Schnalle, nach hinten ging ein Stahlseil mit Feder, die passte in eine Rille auf dem Schuhabsatz. An den Schiseiten gab es je zwei Hacken, die den Seil bei der Abfahrt nach unten gezogen haben, beim Aufstieg (von einem Lift haben wir nicht mal geträumt) hat man die Seitenseile ausgespannt.

Vorne gab es an den Schi so etwas, wie ein Schnabel, dort musste man vorm Abstellen noch einen spitzen Holzklotz einspannen, damit die Schi die Form behalten. Ein eckiger Klotz kam auch zwischen die Bindungen.

Ein anderes Weihnachtsgeschenk, mit großer Mühe von meiner Mutter beschafft, war leider defekt: der Onkel Otto war gelernter Uhrmacher, also nahm das Geschenk erst zum Ausprobieren auf sein Tisch und machte unter dem Kessel Feuer. Leider war im Kessel aber kein Wasser, also schmilzte die Zinnverbindung des Rohrs vom Kessel zu dem Kolben ab. So konnte ich die tolle Maschine am Heiligabend nicht starten- die Enttäuschung war riesengroß! Und der Onkel konnte nicht löten.

Das war auch so eine Kapitel. Wir hatten im Haus die Elektrizität mit Spannung 110V geführt mit Gummi und Seide isolierten Doppeleiter, gedreht und in kurzen Abständen an Porzelanisolatoren aufgesteckt. Die Steckdosen und Schalter waren alle an kleinen Brettchen an der Wand befestigt.

Es ist also auch mal passiert, dass die zwei Drähte sich berührt haben, in einer Lampe. Unten ist also eine Sicherung durchgebrannt, am Samstag Abend. Mein Onkel, der einzige erwachsene Mann im Hause, war ganz ratlos. Ich wusste aber, dass man die durchgebrannte Sicherung leicht findet, die hat eine kleine farbige Scheibe, die an der oberen Kannte abspringt und man sieht das in kleinem Glasfenster an der Sicherungskappe. Also, die Sicherung habe ich als 9- Jähriger Bub souverän gefunden und ausgebaut. Was aber nun? Keine Reserve- Sicherung war im Haus. Ich habe also die Kappe abgenommen und gesehen, innen war ein dünnes Draht durchgebrannt. So ein Draht habe ich auch in den Kabelstücken gesehen, also einen davon ausgezogen, durch die Sicherung durchgesteckt, die Kappe aufgesetzt und die Sicherung eingeschraubt. Es funktionierte, es war Licht und ich wurde seit der Zeit anerkannter Elektrofachmann. Ein Erfolgserlebnis und so war mein Lebensweg schon in eine Richtung gestellt- ich brauchte noch mehr solche Erfolgserlebnise.

Nach meinem Vater habe ich ein Herrenfahrrad geerbt, damals war das ein Eigentum. Leider war die Stange aber für mich zu hoch- so habe ich gelernt, den rechten Fuß unter der Stange durchzustecken und es ging ganz gut. Ich konnte Stunden mit dem Fahrrad in den Gassen der Stadt Iglau kreisen. Damals gab es nur ganz wenige Autos, der Arzt, die Stadtverwaltung und die Polizei haben welche. Ein Handwerker in der Nachbarschaft hatte einen Opel mit kleiner Ladefläche, hinter der Kabine stand so etwas wie ein Fass mit Kamin, dort hat er Holzklötze eingefüllt, Feuer gemacht und gewartet, bis sich genug Holzgas entwickelte und dann konnte er starten. Natürlich mit der Kurbel vorne, die er durch die Stosstange durchgesteckt hat.

Meine Mutter hat aber mit mir noch einiges vor gehabt. Sie hat mich zur Musikschule geschickt, dort habe ich zweimal in der Woche meine Klavierstunde gehabt. Ganz klar, wer ein Instrument wirklich bespielen will, der muss täglich eine Stunde üben. Das war mir schon ein bischen lästig, aber nach zwei Jahren dürfte ich einen Walzer vorspielen, auf der Schulveranstaltung.

Viel wichtiger im Leben waren für mich die Englischstunden. Eine von den Kündinen meiner Mutter war eine Lehrerin, Frau Musil, sie war über die Zeit des Weltkrieges in England. Als sie zurück kam, hat sie keine Anstellung bekommen, die Leute aus dem Westen waren den Kommunisten verdächtig. So hat sie sich mit den Konditionen durchgeschlagen. Ihr Bruder war schwer krank, aber Basedow- Krankheit hat man damals in einer Kleinstadt nicht behandeln können und wohl auch nicht dürfen.

So habe ich in drei Jahren für damalige Verhältnisse ziemlich brauchbares Englisch gelernt, das hat mir später, bei der Arbeitssuche in Deutschland entscheidend geholfen.

Was bei mir eigentlich außer der Normalität war, war das Lesen. Ich war schon als Kind sehr lästig mit dem Wunsch, mir etwas vorzulesen. Man hat wohl nicht immer Zeit für mich, so habe ich mir immer vorgenommen, selbst lesen zu lernen, um unabhängig zu sein. Das hat sich später in eine riesige Zeitverschwendung verwandelt, ich habe mir alle Paar Tage ein Paar Bücher aus der Stadtbibliothek geholt, sehr unterschiedliche Bereiche und Qualität, ich las einfach alles. Reisebeschreibungen, Geographie, Technik, Abenteuer, Klasiker, aber auch ganz blöde Cowboygeschichten waren damals unter uns Jungen verbreitet.

Man muss nur damalige Unterhaltungsmöglichkeiten kennen. Es gab noch kein Fernsehen, ein Radio hat meine Mutter im Gewölbe, wie man damals die Arbeitsräume bezeichnet hatte, installiert.

Ich habe dann einen Detektorempfänger gebaut, mit einer Spende von meinem Grossvater habe ich mir ein Drehkondensator gekauft, aus altem Dynamo emailiertes Draht gewonnen und eine Spule auf  Papprröhre vom Stoff gewickelt. Bleisulfidkristall hat damals der Drogist gehabt, nur der Kopfhörer war sehr schwer zu bekommen.

Mein Problem war, das ich seit meiner Geburt schwerhörig bin. Bei der Geburt war damals üblich, eine Zange als Hilfe einzusetzen, die hat man dem Kind an Kopf angesetzt. Durch das Werkzeug hat man mir einen Gehörgang praktisch vom Nerven getrennt, das andere war beschädigt, aber funktionierte noch, auch wenn mit Empfindlichkeitsverlust. Ein Kristalldetektor war deshalb nicht in der Lage, ausreichende Lautstärke zu liefern.

So habe ich mit dem Bau einer besseren Empfangsanlage begonnen, mit zwei Röhren. Ich habe Berge von damals populären Zeitschriften mit Anleitungen gelesen, also habe ich mir meine eigene Schaltung ausgedacht und nach einigen Wochen wirklich mit Erfolg in Betrieb genommen.

Damals gab es Kreiswettbewerb der Jugend in der Technik, also habe ich mein Produkt angemeldet und tatsächlich einen Preis gewonnen.

Sonst habe ich auch Flugzeugmodelle gebastelt, aber kein Geld für Motor gehabt, also blieb bei den Segelmodellen, eine Fernbedienung habe ich erst mit 22 Jahren für einen Freund gebaut.

Mit 18 habe ich ein Führerschein für Motorrad gemacht, meine Mutter hat kräftig gespart und ein Motorrad gekauft- eine Jawa 250. Damals, in der Zeit wo noch Auto eine Seltenheit auf der Straße war, war das ein gutes Transportmittel, ich konnte immer einen Beifahrer bis zu unseren Freizeithütte mitnehmen, dazu auch Proviant.

Meine Mutter war sehr naturgebunden, das hat sie von meinem Großvater geerbt. Sie hat also schon als ich kleiner Junge war, ein Weekendhäuschen gekauft, am Teich Scheibenteich- tschechisch Okrouhlik im Wald südlich der Stadt Iglau. Dort entstand schon in dreißiger Jahren eine Waldsiedlung, mit ca. 50 Hütten, einem Restaurant und Badeplatz. Heute hat das Haus Nr.16 Tochter meiner Schwester, Dagmar aus Ledec /Sazavou,

Mein Vater war sehr viel engagiert im örtlichen Fischerverein. Deshalb das Fahrrad, er fuhr, wann er nur konnte, an die Flüsse um Iglau zum Angeln. Das hat er auch schon als Offizier im Krieg gemacht, auf einem Photo ist er mit Freunden beim Forellenfischen in den Alpen.

Nach dem Kriege kamen seine Freunde zu uns und ich dürfte mitkommen zum Angeln. Meine Aufgabe war es, kleine Fische für den Hechthaken zu fangen. Später habe ich auch eine Schülerkarte gehabt, im Scheibenteich gab es verschiedene Fische.

So war ich eigentlich immer ein bischen beschäftigt.

Die Erinnerungen von der Schule

Ich ging in die erste Klasse im September 1944. Damals war schon klar, dass der Krieg bald zu Ende wird. Aus der Zeit vorher habe ich nur wenige Erinnerungen. Mein Vater wurde verhaftet vor Weihnachten 1940, ich war damals 2 Jahre. An meinen Vater habe ich überhaupt keine Erinnerung. Die älteste Erinnerung ist aus dem Jahr 1944, damals kam mein Bruder Josef zurück vom Onkel Marousek aus Ondrejov, das ist ein Dorf in der Nähe vom Pilgram, wo mein Grossvater Wenzel geboren wurde. Josef, „Pepa“ war damals schon 15, für mich schon ganz grosser Bruder, mit dem haben wir in dem Zimmer, wo die ganze Familie damals leben musste, verschiedene Konstruktionen aus dem Baukasten Märklin gebaut. Dann war er aber abgereist, ich habe gar nicht mitbekommen, wohin. Mir hat er aber sehr gefehlt.

Die Schule war schon im April 1945 geschlossen, alle Lehrer sind nach Österreich geflüchtet. Ende April stand auch vor dem Hotel Stern (Hvezda) ein BMW Sahara, mit Allradantrieb, die Feldjäger haben sich in Zivil gekleidet und sind auch nach Österreich gegangen.

Da ich schon lesen und schreiben konnte, dürfte ich nach den Ferien in die tschechische 2. Klasse der Grundschule gehen. Die Schule war an Stelle der Flugmechanikerschule neben der Evangelischer Kirche, in der Johannes Husgasse. Deutsch musste ich seit der Zeit selber lernen- mir stand eine riesige Bibliothek nach den vertriebenen Nachbaren zur Verfügung, die Tschechen haben kein Interesse daran gehabt.

Ich kann mich noch an viele Flugmotoren, die in Holzkisten im unserem Schulhof standen, erinnern, wir haben natürlich an den Motoren auch geschraubt. Ein 24-Zylinder Sternmotor Focke Wulff , ich konnte mir damals nicht vorstellen, das solcher Brocken in die Luft gehen kann. Ein riesiger Reihenmotor mit Roots-Kompressor, den haben wir abgeschraubt. Der war vom Junkers Stuka.

Das war also mein erster Kontakt mit Technik und das hat mich mein Leben lang begleitet. Mit 10 war ich schon Motorenexperte.

In der vierten Klasse haben wir einen Physiklehrer, der gerne auch bastelte. Das hat mich immer interessiert, ich half bei der Vorbereitung der Experimente und später habe ich bei der Herstellung selbstgebauter Lehrmittel mitgemacht. In der Zeit der Nachkriegsnot war es nicht möglich, wirkliche Messgeräte anzuschaffen. Der Lehrer hat also die billigen Birnen für Hinterbeleuchtung des Fahrrads als Messgerät benutzt. Die 6 V Birne hatte nur 60 mA Stromverbrauch, die Farbe des Glühfadens hat man in einer Tabelle in Verbindung mit dem Strom gebracht. Mit Vorwiderstand hat man auch höhere Spannungen messen können, so dass wir eine Art von billigen Voltmeter damit gebaut haben. Das war meine erste größere Projekterfahrung.

Dieser Lehrer hat mir auch später geholfen, zum Studienplatz zu kommen. Meine Mutter war eine Schneidermeisterin, also Kleinunternehmerin und das war für die Kommunisten von damals eine feindliche Klasse. Als Sohn wurde ich in der im Sozialismus üblichen Sippenhaft ebenfalls Angehörige der Sozialismusfeindlichen Klasse, also vom Studium ausgeschlossen.

Es blieb nichts anderes, als umzuziehen, in eine Gegend, wo meine Familie nicht bekannt war, also klar, nach Prag. Dort hat mein Lehrer für mich einen Studienplatz an einer Höheren Fachschule für Elektrotechnik ausgehandelt.

Hier hat mir mein längst toter Vater noch sehr geholfen: in seiner Sterbeurkunde aus dem Konzentrationslager Auschwitz stand, dass Gustav Steiner als Klempner beschäftigt war - damit war er Angehöriger der Arbeiterklasse, so gehörte ich in Prag auch zu der beförderten Gruppe.

Diesen Spielchen könnte ich noch wiederholen, als ich mich an der Hochschule, CVUT, also Technischen Hochschule für Elektrotechnik bewarb.

Ich musste immer an die Argonauten denken, wie sie zwischen den gefährlichen Klippen in Ägäis segelten- ich habe einfach viel Glück gehabt.

Über die Jahre des Studiums werde ich vielleicht in einer anderen Kapitel berichten.











1Seyß-Inquart, Arthur (22.J uli 1892 Stannern bei Iglau – 16. Oktober 1946 Nürnberg: hingerichtet nach dem Todesurteil des Nürnberger Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher): siehe Biographien Iglau/ Jihlava

2Neusiedler

3Prozesse

4Warum eigentlich die Bemerkung „nicht erlaubtes Leben?“

In der Konferenz am Wannsee wurden auch getaufte jüdische Mischlinge ersten Grades den Juden zugerechnet, somit für die „Endlösung“ in den Gaskammern bestimmt. Mein Bruder war schon 15, also musste in den Transport, ich war zur gleichen Zeit erst 7, also wäre ich erst 1953 auch an der Reihe. Hiermit also Dank an alle meine Retter- die Alliierten, die dem Spuk ein Ende machten.

5Theresienstadt